SOG-Vortrag | Tanja Zimmermann (Leipzig): Von der Bauernkunst zur globalen Naiven Kunst. Jugoslawien und die Erfindung einer transnationalen Kunstkategorie im Kalten Krieg
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, als traditionelles bäuerliches Handwerk zunehmend durch industrielle Produkte verdrängt wurde, begann der Aufstieg der autodidaktischen Kunst. Zunächst von der Avantgarde als Ausdruck eines Neuen Sehens entdeckt, setzte in den 1930er Jahren eine zweite Rezeptionswelle ein, die sie als Fortführung ethnisch-national konnotierter Volkskunst verstand. Dazu zählten auch Bauernmaler, die im Königreich Jugoslawien große Popularität erlangten. Ihr Erfolg setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg fort, als das sozialistische Jugoslawien einen dritten Weg zwischen den politischen Blöcken einschlug. Als Naive Kunst neu gefasst, wurde sie zu einer transnational anschlussfähigen Kunstkategorie, die sich über geopolitische Grenzen hinweg ausstellen und vermitteln ließ. Höhepunkt ihrer internationalen Rezeption bildete 1974/75 eine Ausstellung im Haus der Kunst in München. Der Vortrag untersucht die vielfältige Anschlussfähigkeit der Naiven Kunst in unterschiedlichen politischen und kulturellen Kontexten und fragt nach ihrem heutigen Stellenwert in nationalen wie globalen Kunstgeschichtsschreibungen. Tanja Zimmermann ist Professorin für Kunstgeschichte mit einem Schwerpunkt auf der Kunst Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas und ihren interkulturellen Beziehungen am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig. Ihre Forschung verbindet kunsthistorische, literatur- und kulturwissenschaftliche Ansätze und widmet sich insbesondere transnationalen Austauschprozessen, Kunst und visueller Kultur im Kommunismus und Postkommunismus sowie Erinnerungskulturen und populärer Kunst. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf der Naiven Kunst und ihrer kunsthistorischen Neubewertung. Von 2022 bis 2026 leitete sie das von der Fritz Thyssen Stiftung geförderte Forschungsprojekt Zur Neubewertung der Naiven Kunst. Internationale Rezeption und theoretisch-methodische Erschließung . Im Zentrum standen die internationale Ausstellungs- und Rezeptionsgeschichte autodidaktischer Kunst sowie ihre Positionierung innerhalb der Moderne.
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